Robin-Hood-Prinzip: Georg Schramm ein Volksverhetzer (Ich kann bis heute nicht verhehlen, dass ich immer das Gefühl hatte, beim Schleyer haben sie nicht den Falschen getroffen)?

Kabarettist Georg Schramm erkundet den Aufstand. Ein Gespräch über politischen Amok, den richtigen Selbstmord und die Veränderungen aus der Mitte des Bürgertums.

„Protest anzuführen ist unheimlich“ – Georg Schramm.

sonntaz: Herr Schramm, Sie sind einer der letzten großen Kabarettisten alter Schule. Stehen Sie morgens mit dem linken Fuß auf und schütteln als Erstes den Kopf?

Georg Schramm: Ja.

Und dann sind Sie zornig?          Ja.

Und dann fressen Sie den Zorn in sich rein?

Ja.

Und abends auf der Bühne kotzen Sie sich aus?

Ja. Aber ich muss mich disziplinieren.

Wieso?

Ich kann mich nicht endlos auskotzen. So viel Ärger verträgt meine Dramaturgie nicht. Schauen Sie sich das alles an: Merkel, Steinbrück, der Umgang mit der Finanzkrise – und was die Privatarmee Frontex an den Grenzen Europas macht. Das ist zu viel für einen unterhaltsamen Abend.

Es fällt auf: Je radikaler Ihre Pointen sind, desto lauter lachen die Leute. Warum freut es die Menschen, wenn Sie im Programm erwägen, Josef Ackermann zu erschießen?

Es ist kein Zufall, dass eine bestimmte Figur von mir diesen Satz sagt: der alte Sozialdemokrat. Er meint, man müsste mal einem wie dem Ackermann die Rübe runtermachen – stellvertretend für die ganzen anderen. Diese Figur ist eine Stimme aus dem Volk, die authentisch ist. Ich wette mit Ihnen, dass unzählige Leute abends in der Kneipe diesen Satz schon mal genau so gesagt haben. Das ist eine Sehnsucht. Es geht nicht darum, Ackermann zu erschießen. Es geht um die Sehnsucht, sich aus der Ohnmacht zu befreien.

Glauben Sie auch daran?

Nein, das ist doch völliger Quatsch.

Haben Sie denn eine Sehnsucht nach Radikalität?

Logisch. Es ist ja nicht zufällig Teil meines Programms. Mein Zorn ist echt, und ich bemerke, dass er großen Widerhall findet.

Ihr Programm spielt mit Revolutionsromantik. Sie feiern zum Beispiel Rentner, die 2009 einen Anlageberater entführt haben, der sie geprellt haben soll. Den Fall gab es wirklich.

Ich habe von dem Fall der vier geprellten Rentner gelesen und war begeistert. Ich bin es heute noch. Weil es so ein konsequentes, aber letztlich friedliches Zeichen der Selbstermächtigung ist.

Ist das nicht komisch? Sie spielen den Zorn vor Leuten in Abendgarderobe in gepolsterten Sesseln.

Klar, ich muss unterhalten. Wenn ich Kurse in der Volkshochschule geben würde, würde niemand dafür bezahlen. Die Mehrzahl der Menschen, die abends vor mir sitzen, gehen so schnell nicht auf die Straße. Aber ich spüre durchaus eine Offenheit für Radikalität. An Abenden, wo es gelingt, sage ich dann: „Ein Hauch von Sportpalast-Atmosphäre kann uns nicht schaden.“

Im Berliner Sportpalast rief Joseph Goebbels 1943 „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Menge johlte.

Sehen Sie: So groß ist meine Verzweiflung. Und darin steckt mein eigener Zwiespalt. Diese Ruhe in Deutschland ist doch beängstigend, oder nicht? Aber das Gegenteil, die Aufwallung, ist es auch. Ich habe große Angst davor. Aber es soll den Leuten ruhig schauern.

Nehmen wir die Blockupy-Proteste in Frankfurt. Es gibt linke Strömungen, die versuchen, ihren Protest in die Breite zu tragen. Braucht es einen linken Populismus?

Ja, natürlich.

Was soll das sein?

Beginnen wir mal am Wortgebilde. Populismus ist so etwas wie die Stimme des Volkes. Vox populi. Das ist per se nichts Schlimmes, finde ich. Die Stimme des Volkes zu sein halte ich für etwas Positives. Es fängt an, einen schlechten Geschmack zu kriegen, wenn dieses Volk in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll. Wir haben eine so grauenhafte Erfahrung in Deutschland mit einem rechtsradikalen Populismus, dass Populismus dauerhaft mit etwas Grauenhaftem verbunden ist. Aber ich halte weder Polemik noch Populismus per se für etwas Schlechtes. Ich bin als meine Hauptfigur Dombrowski, das ist ein alter, kriegsversehrter Rentner, gern populistisch.

Als Georg Schramm auch?

Das gelingt mir nicht so oft. Ich habe zu viele Wenns und Abers im Kopf. Dann werden die Sätze so kompliziert.

In Ihrer Rolle sind Sie ein talentierter Demagoge. Haben Sie schon mal Angst vor der Wirkung Ihrer eigenen Reden bekommen?

Ja. Ich habe einmal bei einer Montagsdemo gegen Stuttgart 21 geredet. Da standen über 20.000 Leute vor mir. Das ist ein Eindruck, der mich dauerhaft begleitet, heute noch. Ich habe schnell gemerkt, dass ich da nicht normal reden konnte.

Wieso?

Das hatte zunächst akustische Gründe. Der Hall auf dem Platz war so groß, dass ich keine komplizierten Sätze bilden konnte. Sonst hätten mich die Leute hinten nicht verstanden. Ich musste mit sehr einfachen Sätzen und einer robusten Grammatik sprechen und auf Nebensätze verzichten. Das ist mir so überraschend gut gelungen, dass die Leute schier Kopf standen. Später fragten mich Freunde, ob ich gemerkt hätte, was da los war. Natürlich habe ich das bemerkt. Es war berauschend. Wenn ich damals gesagt hätte, in zehn Minuten stehen wir alle nicht vor, sondern hinter dem Bauzaun, hätte die Polizei wieder Wasserwerfer holen müssen.

Kam Ihnen das schon während Ihrer Rede in den Sinn?

Ja, und mir war ganz schlecht dabei.

Viele Menschen würden sich wünschen, einmal einen Protest anzuführen.

Es ist ein geiles Gefühl, aber mit Vorsicht zu genießen. Ich habe immer im Kopf, dass diese Fähigkeit, die ich da plötzlich gespürt habe, nicht einzigartig ist. Die haben andere auch. Die Rechten könnten womöglich ganz andere Mengen zum Laufen bringen. Ich korrigiere also: Protest anzuführen ist doch nicht geil. Es ist unheimlich.

Sie redeten vor Occupy-Demonstranten in Frankfurt, Sie agitieren auf Bühnen und im Fernsehen. Was war das Radikalste, das Sie abseits des Redens gemacht haben?

Nicht wirklich viel. Ich habe erst einmal im Leben auf der Straße gelegen. Das war kurz nach Fukushima am französischen Atomkraftwerk Fessenheim. Wir wohnen Luftlinie sechs Kilometer von dem Meiler entfernt, auf der deutschen Seite. Da waren wir mit 12.000 Leuten. Bei uns in der Region wird noch an die alte Tradition der Anti-Atomkraft-Bewegung von Wyhl angeknüpft.

Und sonst?

Ich sage Ihnen, dass das das Äußerste war, damit Sie sehen, dass da nicht viel ist. Und jetzt sage ich Ihnen, warum es mir auch persönlich so geht wie vielen anderen: In meinem Innersten, in meinem Herzen, bin ich ein kleiner, ängstlicher Sozialdemokrat, der Angst davor hat, dass man mir vorwirft, ein vaterlandsloser Geselle zu sein. Ich mache es wie ein Dackel im Wald. Ich belle ganz laut, damit keiner merkt, dass ich ein kleiner, ängstlicher Köter bin. Aber ich arbeite gegen meine Ängstlichkeit an.

In Ihrem Bühnenprogramm zünden Sie zum Abschluss eine Bombe.

Der Sozialdemokrat August zündet die Bombe. Er hat die Rolle des Clowns: Er ist ein ganz einfacher Sozialdemokrat mit seiner eigenen Sicht auf die Welt. Die ist nicht falsch, die ist nur einfach. August will es mal krachen lassen. Er geht mit einer Theaterbombe ab. Aber da passiert ja nicht wirklich etwas. Es macht Peng und es ist Rauch.

Es ist eben eine Theaterbombe.

Ich habe da mit meinem Regisseur lange drüber diskutiert. Er sagte: Genau das ist doch das, was wir hier machen. Wir zünden Theaterbomben. Das ist für einen Sozialdemokraten schon viel. Sie können das mit der Theaterbombe symbolisch nehmen. So ist die Stimmung in Deutschland.

Was spüren Sie denn hier in Deutschland?

Ich spüre gar nichts. Ich kann mich erinnern, dass viele Menschen meiner Generation vor 20 Jahren diskutiert haben, dass ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland abgehängt wird, wenn wir nicht aufpassen. Heute haben wir das. Ich habe das Gefühl, die Zweidrittelgesellschaft ist schon da.

Wenn sich auf Plätzen in Kairo, Madrid, in Istanbul und São Paulo die Empörten versammeln – was macht das mit Ihnen?

Das bewegt mich sehr, wenn junge und alte Menschen nebeneinanderstehen. Nehmen Sie Istanbul, wo die Menschen plötzlich wirklich einfach nur gestanden haben. Mit welcher Klugheit und mit welchem Witz die Leute diesen großmäuligen Satz von Erdogan aufgenommen haben, dass alle ruhig sein sollen. Ich bin mir sicher: Wenn ich Türke wäre, ich wäre auf dem Platz. Und wenn es bei uns eines Tages zu Unruhen kommt, aus welchen Gründen auch immer: Ich hoffe, dass ich dann auf dem Platz bin. Alles andere würde ich mir persönlich übelnehmen.

Sie sind offenbar zornig und predigen den Widerstand – und doch gibt es eine letzte Schwelle, selbst auf die Straße zu gehen?

Vielleicht hat das auch mit meiner Geschichte zu tun. Ich bin Jahrgang 1949. Bei den großen Straßendemonstrationen 1968 wäre ich in dem Alter gewesen, dabei zu sein. Da war ich nicht auf der Straße, sondern bei der Bundeswehr. Wir haben dort diskutiert, ob die Bundeswehr laut Notstandsgesetz bei inneren Unruhen eingesetzt werden darf oder nicht. Meine Haltung dazu hat mir meine erste negative Bewertung eingebracht.

Warum?

Ich musste eine Unterrichtseinheit in Innerer Führung vorbereiten. Dazu hatte ich mir Gewerkschaftsmaterial besorgt und erklärt, dass der Einsatz der Bundeswehr im Innern verfassungswidrig sei. Aber das war der Unterschied: Die anderen waren auf der Straße – ich habe harmlos DGB-Material referiert.

Wo waren Sie, als die RAF in Deutschland unterwegs war?

Ich war damals Psychologe in einer Reha-Klinik am Bodensee und habe das aus großer Distanz, aber gleichzeitig mit klammheimlicher Freude miterlebt. Ich kann bis heute nicht verhehlen, dass ich immer das Gefühl hatte, beim Schleyer haben sie nicht den Falschen getroffen. Ich habe es in meinem Programm mal thematisiert. Das war immer ganz heikel.

Heute ist die Empörung groß, wenn bei einer Demonstration mal etwas kaputtgeht.

Ich habe da auch eine große Abneigung. Ich war in meinem Leben noch nie in eine Schlägerei verwickelt. Und ich sage Ihnen jetzt etwas, das ich ganz schlimm finde. In den letzten Jahren mehrt sich in mir das Gefühl, dass die kleinen Veränderungen zum Guten, die den Veränderungen zum Schlechten überhaupt nicht standhalten können, dass diese Veränderungen zum Guten gerade aus der Mitte des Bürgertums kommen. Ich habe das Gefühl, dass die Impulse gar nicht aus der linken Ecke kommen. Die Impulse kommen von Leuten wie dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Was ist daran schlimm?

Ich finde das irgendwie furchtbar. Aber ich bete jeden zweiten Tag, dass der Mann lange gesund bleibt. In einem Land, das 60 Jahre lang der CDU gehört hat, wird einer mit einer Vergangenheit im Kommunistischen Bund heute Ministerpräsident. Wenn ich katholisch wäre, würde ich Kerzen anzünden. Der Fortschritt ist eine solche Schnecke.

Was finden Sie so schlimm am Bürgertum?

Ich lebe da jetzt, und ich lebe da gut, vielleicht zu gut. Aber ich komme da nicht her. Ich stamme aus einer armen Familie, aus sehr einfachen Verhältnissen. Ich habe es mithilfe der Sozialdemokratie aufs Gymnasium geschafft. Ich habe von einer gewissen Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems profitiert, die es genau zu diesem Zeitpunkt einmal kurz gab. Ich war zufällig in dem Alter durchzukommen. Heute würde ich nicht mehr durchkommen. Und deshalb fühle ich mich den kleinen Leuten verpflichtet, zu denen ich heute kaum noch Kontakt habe, weil meine meisten Freunde gut situiert und abgesichert sind. Vielleicht empört es mich deswegen so sehr. Wir dürfen doch nicht nur, weil wir etwas haben, sagen: Es muss alles so bleiben, wie es ist. Das ist falsch.

Sie haben es weit geschafft. 2012 waren Sie kurzzeitig als Gegenkandidat für die Wahl des Bundespräsidenten im Gespräch.

Es ist gut, dass mir das erspart geblieben ist. Ich glaube, ich bin als Kabarettist deutlich besser. Ich habe auch gleich gesagt: Ich will gar nicht der Präsident aller Deutschen sein. Ich würde erst mal ein paar Leute ins Schloss Bellevue einladen und ihnen vorschlagen, in ein anderes Land zu ziehen.

Wenn Sie noch mal gefragt würden, was wäre die Antwort?

Ich habe mich dummerweise festgelegt: Wenn das Volk eines Tages den Bundespräsidenten selbst wählen darf, dann würde ich antreten. Wahrscheinlich würde die Bild-Zeitung Günther Jauch nominieren. Gegen den hätte ich keine Schnitte.

Sie sind nun 64 und derzeit mit Ihrem letzten Soloprogramm unterwegs. Was kommt für Sie noch?

Eines der wenigen Zukunftsprojekte, das ich noch habe, ist mein Wunsch, einen Abend nur über Amok zu machen. Amok hat ja eine große Tradition. Damit zu spielen reizt mich sehr.

Was ist denn die positive Tradition des Amok?

Positiv habe ich nicht gesagt. Ich sagte: große Tradition. Die Idee des Amok stammt begriffsgeschichtlich aus Indonesien. Amok ist die pure Verzweiflungstat, gegen etwas anzurennen, gegen das man nur verlieren kann.

Lässt sich das positiv deuten?

Ich weiß es noch nicht, aber es treibt mich um.

Selbstmord als politisches Programm ist ja in vielen Ländern gar kein Witz.

Sie sagen es. Nehmen Sie Griechenland. Das ist traditionell ein Land mit niedriger Selbstmordrate – derzeit steigt sie rasant an, weil die europäischen Hilfen vor allem für die Banken gedacht waren. Die Leute gehen nachts ins Meer. Sie sagen, sie gehen dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Das ist der Rest ihrer Würde. Ich sage in meinem Programm mittlerweile jeden Abend: Das ist doch kein politisches Zeichen, wenn Tausende allein ins Meer gehen. Wenn einer von denen einen Reeder ertränken würde, bevor er sich selbst ertränkt – das wäre ein politisches Zeichen.

Wen würden Sie denn mitnehmen, um heroisch abzutreten?

Ich beschäftige mich wirklich damit, wie ich abtreten kann. Aber weniger heroisch. Ich möchte mir mein Leben nehmen können, bevor ich zum Beispiel dement werde und die Krankheit meine Persönlichkeit ruiniert. Ich habe bei meiner Mutter erlebt, wie grausam der Zerfall der Person durch die Demenz ist. Die Vorstellung, dass meine Kinder und meine Frau jemanden pflegen müssen, der sie nicht mehr kennt, der nur noch den Namen trägt, finde ich furchtbar. Das kann Menschen ruinieren, und das ist es nicht wert, finde ich. Der Freitod ist etwas sehr Wertvolles und Positives.

Wissen Sie schon, wie Ihr Rentner Dombrowski abnippelt?

Wenn Amok nicht geht, muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Im aktuellen Programm macht er bereits einen radikalen Abgang. Sein letzter Satz ist ein Satz von Eckart von Hirschhausen. Etwas Schlimmeres kann man ja eigentlich nicht machen.

Und Sie?

Wenn mein Dombrowski tot ist, wird es den Georg Schramm noch geben. Ich werde Gelegenheitskabarettist. Vielleicht rede ich auf Demonstrationen oder mal hier und da. Vielleicht radikalisiert mich auch das Rentenalter. Dann sage ich öfters mal zu meinen Nachbarn: „Stellt euch nicht so an. Wir backen Kuchen, ich nehme meinen Flachmann mit, und dann gehen wir einfach mal zur Demo.“

Quelle: http://www.taz.de/Kabarettist-Georg-Schramm-ueber-Politik/!122002/

Die bösen Deutschen – Thilo Freiherr von Werthern

1.    Deutsche, die deutsch denken, fühlen und handeln, sind »NEONAZIS«.

2.    Deutsche, die der Überzeugung sind, daß das Wohl unseres Volkes Vorrang haben muß vor allen Partei‑, Konfessions- und Gruppeninteressen, sind »ALTNAZIS«.

3.    Deutsche, denen die Erhaltung ihres Volkes und seiner Eigenart am Herzen liegt, sind »RASSISTEN«.

4.    Deutsche, die gegen die uns aufgezwungene Masseneinwanderung und Überfremdung aufmucken, sind »AUSLÄNDERFEINDE«.

5.    Deutsche, die die Ansicht vertreten, daß deutsche Politiker in erster Linie deutsche Interessen zu wahren haben, sind »RECHTSRADIKALE«.

6.    Deutsche, die in den Siegern von 1945 weder Befreier noch Beschützer sehen, sind »UNBELEHRBARE«.

7.    Deutsche, die die Nase voll haben von Propagandalügen, Selbstbesudelung und Schuldkomplexen, sind »UNVERBESSERLICHE«.

8.    Deutsche, die Wahrheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung auch für Deutschland fordern, sind »REAKTIONÄRE«.

9.    Deutsche, die für ein blockfreies Gesamtdeutschland in seinen völkerrechtlichen Grenzen eintreten, sind »FASCHISTEN«.

10.   Deutsche, die die Gültigkeit des vielzitierten Völkerrechts auch für Deutschland einfordern, sind „REVANCHISTEN“.

11.   Deutsche, die bestreiten, daß deutscher Militarismus an allen Kriegen des 20. Jahrhunderts schuld war, sind  „EWIGGESTRIGE“.

12.   Deutsche, die das Ansehen und die Ehre der in zwei Weltkriegen gefallenen Soldaten verteidigen, sind verbohrte »MILITARISTEN«.

13.   Deutsche, die sich nach all den Beschimpfungen und Verleumdungen der letzten 45 Jahre nicht mehr in Kriege für fremde Interessen hineinziehen lassen wollen, sind »FEIGLINGE« und »DRÜCKEBERGER«.

14.   Deutsche, die für ihre »Schuld« und Beteiligung an den vergangenen Kriegen nicht mehr generationenlang zahlen wollen, sind »HÄSSLICHE DEUTSCHE«.

15.   Deutsche, die für Ihre Unschuld und Nichtbeteiligung an den Kriegen der Gegenwart nicht zahlen wollen, sind »BÖSE DEUTSCHE«.

 

Heimat ist kein altmodischer Begriff

Es entspricht einer guten Tradition, sich am 1. Sonntag im Oktober am Ulrichsberg einzufinden, um in einer wunderschönen und romantischen Umgebung ein Gedenken an eine Zeit vorzunehmen, die von jenen, die sie miterlebt haben, viel abgefordert hat. Die aber vor allem aus Dankbarkeit für die Möglichkeit, wieder aus dem Kriege heimkehren zu dürfen, dazu geführt hat, daß gerade diese Generation sich bemüht hat, aktiv und konsequent, am Frieden in Europa zu arbeiten. Daher ist der Ulrichsberg heute eine Begegnungsstätte, an der sich auch Menschen, die einstmals als Feinde einander gegenüber gestanden sind, als Freunde begegnen und die Hand reichen. Daher ist der Ulrichsberg eine Begegnungsstätte, die es nicht verdient, von einigen, denen eine Lektion in Geschichte erteilt werden müßte, ständig durch den Schmutz gezogen zu werden, denn es gibt nur wenige Beispiele dieser Art, wo Feinde von einst zu Freunden von heute werden, um ein sicheres und friedliches Europa gemeinsam aufzubauen. ( … )

Natürlich gibt es immer wieder Polemiken verschiedenster Art durch die Repräsentanten des sogenannten Zeitgeistes, die diesen Ulrichsberg und die Gemeinschaft jener Menschen, die hier zusammenkommt, nicht wahrhaben wollen, weil er nicht in ihr Denken, aber auch nicht in ihr Gefühlsleben paßt. Das sind jene Repräsentanten eines zum Teil sehr absonderlichen Zeitgeistes, die den Kollektivschuldgedanken predigen, soldatischen Opfermut verdammen, die Jugend gegen die Elterngeneration aufhetzen, Kriegerdenkmäler beseitigen wollen und die Demokratie nur dort akzeptieren, wo es nach ihrem Willen geht, aber sonst nichts. Das ist nicht unser Selbstverständnis von geistiger Freiheit und einem friedlichen Miteinander in einem größer gewordenen Europa. Deshalb sag ich hier, auch als Landeshauptmann von Kärnten: Wir sind sehr stolz daß dieser Ulrichsberg in Kärnten steht, denn es ist ein Zeichen der Demokratie, daß diese Feier in einem Land stattfindet, in dem es weder Denkverbote noch Gesinnungspolizisten in der einen oder anderen Richtung gibt. Daß dieser Ulrichsberg auch ein Zeichen der politischen Kultur ist, denn darin wird letztlich auch der tiefe Respekt vor den Opfern der Kriegsgeneration und das ehrwürdige Denken an die Gefallenen zum Ausdruck gebracht. Und wir tun dies hier sehr bewußt am Ulrichsberg, auch vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit, und über Pressebeobachtung können wir uns wahrlich hier nicht beklagen, weil wir bekennen wollen, es kann nicht so sein, daß die Geschichte unserer Eltern und Großeltern aufgrund absonderlicher Kommentierungen zu einem einzigen Verbrecheralbum gemacht wird und ihre Leistungen vor der Geschichte mit Füßen getreten werden.

Kriegsgeneration hat schwere Zeiten erlebt

Es ist dieser Ulrichsberg auch ein Zeichen des Mutes jener, die ihn durch Jahrzehnte aufrechterhalten haben, weil sie zum Ausdruck bringen, daß sie trotz der Verteufelung, trotz der Diffamierungsversuche diesen Gedanken hochgehalten haben und durch die veröffentlichte Meinung nicht in die Knie gegangen sind. Denn die Menschen, die hier zum Ulrichsberg kommen, sind nicht jene, als die sie oftmals diffamiert werden. Es sind nicht die Altnazis, es sind nicht die Neunazis, es sind nicht die Verbrecher, sondern es sind gute Bürger, die als Zeitzeugen eine schwere Zeit durchlebt haben, die den Krieg nicht nur erlebt, sondern auch erlitten haben, die als junge Generation ihre Jugend geopfert haben und die trotzdem ohne Resignation nach Ende des Krieges, wie es Rudolf Gallob richtig gesagt hat, an eine großartige Aufbauarbeit überall in Europa gegangen sind. ( … )

Unsere Bevölkerung weiß es zu schätzen , daß auch die Tradition der Kriegsgeneration und das stille Gedenken an die großen Opfer und Entbehrungen einen Platz im Leben eines Volkes haben muß. Die Angriffe, die da immer wieder kommen, sind letztlich an den Prinzipien des Rechtsstaates, aber auch an der Redlichkeit der vorgetragenen Argumente der Ulrichsberger abgebeugt. ( … ).

Deshalb ist das Bewundernswerte an dieser Generation, daß sie trotz enttäuschter Hoffnung, trotz mißbrauchtem Idealismus und trotz Verachtung bei der Heimkehr aus dem Krieg aus diesen Trümmern wieder ein schönes Land aufgebaut hat. Besonders bewundernswert ist es, daß sie dieser Demokratie eine so feste Grundlage gegeben haben, die die Basis für eine friedliche Entwicklung sein kann. In der Generation derer, die am Krieg teilgenommen haben, hat die Lehre aus dem totalitären Jahrhundert, das zu Ende gegangen ist, gezogen. Die ältere Generation hat die Lektion gründlich gelernt, und uns jüngeren Nachgeborenen bleibt eine Gedächtnislast, die wir zu tragen haben aus den Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Eine Gedächtnislast, die uns aufgibt, Verantwortung für den Frieden, aber auch Verantwortung für soziale Gerechtigkeit zu tragen, um Konflikte von vornherein auszuschließen und letztlich auch Verantwortung für das eigene Volk zu übernehmen und aus diesem Selbstverständnis heraus auch Respekt und Anerkennung gegenüber ethnischen Minderheiten zu beobachten.

Der Ulrichsberg ist im wahrsten Sinne des Wortes ein menschliches und humanes Anliegen. Eben deshalb, weil sie den Krieg kennengelernt haben, achten sie und arbeiten sie für den Frieden. Weil sie die Heimat verloren haben, arbeiten sie daran, daß es keine ethnische Vertreibung in Europa mehr geben kann. Und weil sie ideologischen Haß und Verblendung erlebt haben, die Europa in den Abgrund gestürzt hat, sind sie für Gedankenfreiheit und Demokratie in einem Europa der Bürger und­ der Vaterländer.

Aber dieser Friede, für den diese Generation steht, braucht auch Wahrheit. Er braucht eine Wahrheit, die manchen vielleicht nicht schmeckt, die aber unverzichtbar ist. Es ist die Wahrheit um die tatsächliche Haltung und Geschichte der Generation, die diesen Krieg erlebt hat. Deshalb ist es richtig, die Verleumdungen, wie sie durch die Wehrmachtsausstellungen passiert sind, nicht nur zurückzuweisen, sondern auch von jenen hohen politischen Würdenträgern, die als Ehrenschützer aufgetreten sind, um unsere Jugend mit gefälschten Bildern zu manipulieren, mit Recht zu verlangen, daß diese politischen Würdenträger jetzt den Mut und die Selbstachtung haben, sich dafür zu entschuldigen, was sie an historischer Unwahrheit in die Öffentlichkeit gesetzt haben.

Friede braucht auch Wahrheit, und Wahrheit heißt, daß wir auch erkennen müssen, daß hierzulande manche politische Würdenträger weniger Mut und Zivilcourage an den Tag legen, als etwa der verstorbene Staatspräsident Mitterrand, der in der Beurteilung der Angehörigen der Wehrmacht wesentlich respektvoller und anständiger vorgegangen ist. Weil er sie als Männer bezeichnet hat, die nach ihrem Charakter zu beurteilen sind, und nicht danach, welchen Rock sie als Soldaten getragen haben. Friede braucht auch Wahrheit, in der Hinsicht, daß wir sicherlich auch im heutigen Europa und hier in Österreich daran arbeiten, die Folgen dieser fürchterlichen Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu beseitigen und abzuarbeiten. Und wenn hierzulande, mit Recht, möchte ich sagen, auch die Frage der Zwangsarbeiter während des Krieges in Österreich einer positiven Lösung zugeführt wird, dann ist es aber auch genauso zu verlangen, daß mit demselben Recht den Spätheimkehrern ein Augenmerk zugewendet wird, die ihre besten Jahre in Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit verbringen mußten.

Friede bedeutet aber auch, daß er ohne Europa nicht möglich sein wird. In einem Europa, das nicht eines der Bürokraten in Brüssel, sondern ein Europa der Bürger ist, ein Europa, das von den Völkern getragen wird und nicht durch eine selbsternannte Avantgarde führender Mächte dirigiert wird. Europa wird mir dann den Frieden beobachten können, wenn es ein Europa der Menschlichkeit ist, in dem nicht Sanktionen gegen gute Demokraten ergriffen werden und rote Teppiche für Kriegsverbrecher aufgerollt werden, sondern die Menschenrechte ungeschmälert Geltung haben. Ein Europa wird nur dann den Frieden besichern können, wenn es ein Europa der Gerechtigkeit ist, in dem Gerechtigkeit so funktioniert, daß nicht Ausgrenzung unbequemer Demokraten passiert, während man Verständnis für die sogenannten Pflichtverteidiger von Völkermord und ethnischer Vertreibung nach wie vor aufzubringen in der Lage ist. Solange es die Beneschdekrete gibt, muß Europa deren Abschaffung einfordern, wenn es nicht unglaubwürdig in der Verteidigung der Menschenrechte sein will. Vertreibung kann und darf sich in diesem Europa nicht mehr wiederholen.

Tugendterrorismus kann nicht akzeptiert werden

Wenn Europa eine Wertegemeinschaft sein will, dann müssen die Menschenrechte universell gelten. Dann muß die Meinungsfreiheit garantiert sein, aber dann muß es auch ein Europa sein, das die kulturelle Vielfalt ernst nimmt. Nicht eine Wertegemeinschaft, die beliebig durch die Schar der Tugendterroristen der politisch korrekten Gesellschaft definiert, welche Werte gerade im Moment Geltung haben, und dann auf jeden mit der Faschismuskeule vorgeht, der nicht ihrer Meinung ist. Freiheit ist auch Gedankenfreiheit, aber niemals Narrenfreiheit für extreme Linke und Denkverbote für konservative Rechte. Hier muß es Gleichheit geben.

Ich sag‘ das deshalb auch, weil ja in der letzten Zeit im Zusammenhang mit den Sanktionen gegenüber Österreich sehr viele eigenartige Argumente auf der Tagesordnung gewesen sind, warum diese Sanktionen zu ergreifen sind. Denken wir nur daran, daß die Tugendterroristen nicht wahrhaben wollen, daß unter einer Links‑Regierung in Deutschland Asylantenheime brennen und nicht unter einer Mitte‑Rechts-­Regierung in Österreich. Denken wir daran, daß unter einer Linksregierung in Schweden Neonazis marschieren und nicht unter einer Mitte‑Rechts‑Koalition in Österreich. Und denken wir daran, daß unter einer Links‑Regierung in Deutschland ehemalige Sympathisanten von Terrororganisationen zu höchsten Staatsämtern aufsteigen konnten und nicht in einer Mitte‑Rechts‑Koalition in Österreich. Und denken wir daran, daß es in Frankreich eine Links‑Regierung gibt, deren Partner noch immer nicht den Greueltaten des Stalinismus abgeschworen haben und trotzdem als gute Demokraten in Europas Büchern geführt werden.

Diese Art des Tugendterrorismus kann nicht akzeptiert werden, wenn Europa friedlich und frei sein soll, denn ein freies Europa hat immer auch Gedankenfreiheit garantiert. So wie es der Schriftsteller Martin Walser richtigerweise gesagt hat: Der Tugendterror der politisch Korrekten in unserer Zeit macht freie Meinungsäußerung manchmal zu einem halsbrecherischen Risiko. Uni diesem halsbrecherischen Risiko zu entgehen, kann es für uns keine andere Alternative geben, als an der Festigung und an dem Ausbau der Demokratie in diesem Europa zu arbeiten.

Demokratie setzt freie Bürger voraus, die entscheiden dürfen, wie ihre Zukunft gestaltet werden soll. Die entscheiden dürfen über Euro, Osterweiterung, aber auch über die Grundrechte, die jetzt in Europa geschaffen werden sollen. Grundrechte haben nur dann einen Sinn, wenn sie nicht zurückfallen hinter dem, was wir an Grund‑ und Freiheitsrechten in unseren Nationalstaaten bereits garantiert erhalten haben. Diese Demokratie in Europa braucht aber auch ein lebendiges Bekenntnis zur kulturellen und sprachlichen Vielfalt seiner Völker und Volkstümer. Aber auch ein klares Nein zu einem multikulturellen Einheitsbrei, die anderenseits im Grunde genommen zur Kulturlosigkeit geführt hat. Und ein demokratisch festes Europa braucht auch lebendiges Bekenntnis der Menschen zu ihren Heimaten. Heimat ist kein altmodische Begriff. Heimat verdient es auch nicht, verdächtig gemacht zu werden. Weil Heimat nicht provinziell ist, sondern letztlich jener sichere Hafen, in dem die Menschen nicht nur materiell Erfüllung finden können, sondern auch seelisch ihre Geborgenheit haben. ( … )

Darüber sollte jene „Clique pseudointelektueller Besserwisser“ einmal nachdenken, ob es nicht besser wäre, zu erkennen, daß man den Geist der Ulrichsberger nicht beseitigen kann und daß man ein Volk nicht manipulieren kann, ihm das Heimatbewußtsein austreiben kann, und schon gar nicht von jenen Kräften, die uns vor ein paar Jahren noch einreden wollten, daß die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland ein Segen der Politik sei, daß die Wiedervereinigung eine Lebenslüge der Deutschen sei, und die uns einreden wollten, in der richtigen politischen Gesellschaft zu sein, wenn sie sich mit Politikern umgeben, die nachweisbar vom KGB mit Geld bestochen sind, und wenn sie schweigen zu jener neuen europäischen Charta, die in diesen Stunden verabschiedet werden soll, wo nicht einmal elementare Minderheitenrechte verankert sind, und wenn sie glauben, uns einreden zu müssen, man könne ein größeres Europa auch Richtung Osten entwickeln, in dem das Volk kein Mitspracherecht haben soll. Das ist nicht die Welt von uns. Das ist geistiger Flugsand, der auch den Überzeugungen jener, die sich am Ulrichsberg einfinden, nichts anhaben kann.

Vor der Geschichte wird nur Wahrheit Bestand haben können, und daher sind wir gut beraten, uns darum zu bemühen, dieses Vermächtnis des Ulrichsberges nicht nur rückwärtsgewandt, als dankbare Geste für die Heimkehrer zur sehen, sondern auch den jungen Menschen zu sagen: Dieser Wohlstand, den wir heute genießen, und dieser Frieden, den wir heute haben, ist nicht selbstverständlich und automatisch gesichert. Diese Zukunft eines freien und demokratischen Europas wird nur dann möglich sein, wenn es auch gelingt, der jungen Generation nicht nur Rechte, sondern auch die Überzeugung, Verpflichtungen der Gemeinschaft zu übertragen und der Jugend klarzumachen, daß jenes Gemeinschaftsleben nur so wertvoll ist, als es Tugenden gibt, die man auch beachtet. Tugenden, die zu einem gerechten Freiheitsgebrauch führen, wo die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt, wo die Toleranz zum Prinzip der Gesellschaft wird und wo die Menschlichkeit eine tragende Säule für das Miteinander auch über Grenzen hinweg, die wir wechselseitig respektieren, ist.

Wer den Ulrichsberg so versteht, versteht ihn als ein Vermächtnis für ein friedliches, für ein freies Europa von Menschen, die sich nicht manipulieren lassen, sondern die als kritische Bürger Hand anlegen wollen, daß das, was das 20. Jahrhundert an Verwüstungen in diesem wunderschönen Europa gebracht hat, sich nie mehr ereignen darf und sich nie mehr ereignen wird, weil die Kraft und die Überzeugung jener, die auf der Seite der Freiheit und des Frieden stehen, größer sind als die jener, die Ideologien, Haß und Fanatismus noch immer nicht abgelegt haben.

Jörg Haiders Rede auf dem Ulrichsberg anläßlich des Totengedenkens an die Opfer und Gefallenen der beiden Weltkriege

Quelle: JUNGE FREIHEIT vom 24. November 2000

Goethe – zeitlos

Erhebt Euch denn

Und stellt Euch neben mich,

Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite

Das Rechte, das Beständige beschützen.

O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen:

Das Nied’re schwillt,

Das Hohe senkt sich nieder,

Als könnte jeder nur am Platz des andern

Befriedigung verworr’ner Wünsche finden,

Nur dann sich glücklich fühlen,

Wenn nichts mehr zu unterscheiden wäre,

Wenn wir alle, von einem Strom vermischt

Dahingerissen,

Im Ozean uns unbemerkt verlören.

O laßt uns widerstehen, laßt uns tapfer,

Was uns und unser Volk erhalten kann,

Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten!

Nun bist du, Boden meines Vaterlands,

Mir erst ein Heiligtum, nun fühl ich erst

Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.

Ich lasse dich nicht los, und welches Band

Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.

Johann Wolfgang von Goethe – „Die natürliche Tochter“

Die deutsche Weltfrage

Deutschland – das protestierende Land

Und nun wollen wir auf Deutschland zu sprechen kommen, auf seine jetzige Aufgabe, seine jetzt verhängnisvolle und zugleich auch alle anderen angehende Weltfrage. Was ist das denn für eine Aufgabe? Und warum hat sich diese Aufgabe erst jetzt in eine so schwierige Frage für Deutschland verwandelt, warum nicht schon früher, sondern erst unlängst, knapp vor einem Jahr, oder gar erst vor kaum zwei Monaten?

Deutschland hat nur eine Aufgabe, hat sie auch früher schon und immer gehabt. Das ist sein Protestieren ‑ nicht bloß jene eine Formel des Protestierens, welche sich unter Luther entwickelt hat, sondern sein ständiger Protest gegen die römische Welt, einsetzend mit Arminius, gegen alles, was Rom und römische Aufgabe war, und später gegen alles, was vom alten Rom aufs neue Rom und auf all die Völker überging, die Roms Idee, seine Formel und sein Wesen übernahmen, der Protest gegen die Erben Roms und gegen alles, was dieses Erbe ausmacht. Ich bin überzeugt, daß manche Leser über das, was ich soeben geschrieben, die Achseln zucken und lachen werden: »Wie kann man nur im neunzehnten Jahrhundert, im Jahrhundert der freien Ideen und der Wissenschaft, noch über Katholizismus und Protestantismus reden und streiten, als wären wir noch im Mittelalter! Es gibt ja allerdings noch religiöse Leute und sogar Fanatiker, aber die haben sich doch meist nur wie archäologische Raritäten erhalten, die verdammt und verlacht und von allen verurteilt in weltfernen Winkeln sitzen, ein armseliges, klägliches Häuflein rückständiger Leutchen. Wie kann man sie bei einer so großen Frage, wie es die der Weltpolitik ist, überhaupt nur erwähnen?«

Ich aber meine nicht den religiösen Protest, noch denke ich dabei an die zeitweiligen Formeln der altrömischen Idee, noch an den ewig gegen sie gerichteten germanischen Protest. Ich nehme nur die Grundidee, die schon vor zweitausend Jahren aufgetaucht und seit der Zeit nicht gestorben ist, obgleich sie sich fortlaufend in verschiedenen Arten und Formeln verkörpert hat. Und heute ist es die Erbin Roms, die äußerste westeuropäische Welt, die sich in den Geburtswehen einer neuen Umgestaltung dieser ererbten alten Idee windet und quält. Das ist für denjenigen, der zu schauen versteht, schon dermaßen sichtbar, daß es für ihn keiner weiteren Erklärungen bedarf.

Das alte Rom war die erste Macht, die die Idee einer universalen Vereinigung der Menschen hervorbrachte, und die erste, die da glaubte (und fest überzeugt war), sie praktisch in Gestalt einer Weltmonarchie verwirklichen zu können. Diese Formel jedoch fiel vor dem Christentum ‑ die Formel, aber nicht die Idee. Denn diese Idee ist die Idee der europäischen Menschheit, aus ihr bildete sich deren Kultur, für sie allein lebt sie überhaupt. Es fiel bloß die Idee der universalen römischen Monarchie, und sie wurde durch das neue Ideal einer wiederum universalen neuen Vereinigung in Christo ersetzt. Dieses neue Ideal zerspaltete sich in das östliche, das Ideal der vollkommen geistigen Vereinigung der Menschen, und das westeuropäische, römisch‑katholische des Papstes, das dem östlichen durchaus entgegengesetzt ist. Diese westliche, römisch‑katholische Verkörperung der Idee vollzog sich auf ihre Art, ohne den christlichen geistigen Ursprung der Idee ganz zu verlieren, und indem sie diese Idee mit dem altrömischen Erbe verband. Das römische Papsttum verkündete, daß das Christentum und seine Idee ohne die universale Beherrschung der Länder und Völker, ‑ nicht geistig, sondern staatlich, mit anderen Worten: daß es ohne die irdische Verwirklichung einer neuen universalen römischen Monarchie, deren Haupt nicht der römische Imperator, sondern der Papst sein würde ‑ nicht zu verwirklichen wäre. Und da begann dann wieder der Versuch einer universalen Monarchie ‑ ganz und gar im Geist der altrömischen Welt, aber doch schon in einer anderen Form. Auf diese Weise ist das östliche Ideal: zuerst die geistige Vereinigung der Menschheit in Christo anstreben und dann erst, kraft dieser geistigen Vereinigung aller in Christo, die zweifellos sich aus ihr sich ergebende rechte staatliche wie soziale Vereinigung verwirklichen. Nach der römischen Auffassung ist das Ideal dagegen das umgekehrte: zuerst sich eine dauerhafte staatliche Vereinigung in der Form einer universalen Monarchie zu sichern und dann, nachher, meinetwegen auch eine geistige Vereinigung zustande zu bringen unter der Obrigkeit des Papstes, als des Herrn dieser Welt.

Dieser Versuch hat seitdem in der römischen Welt Fortschritte gemacht und sich ununterbrochen verändert. Mit der Entwicklung dieses Versuchs ist dann der wesentlichste Teil der christlichen Grundsätze fast gänzlich eingebüßt worden. Als jedoch die Erben der altrömischen Welt schließlich das Christentum geistig verwarfen, da verwarfen sie mit ihm auch das Papsttum. Das geschah im Sturm der schrecklichen Französischen Revolution, die im Grunde nichts anderes war als die letzte Gestaltsveränderung oder Umverkörperung dieser selben altrömischen Formel der universalen Vereinigung. Doch die neue Formel erwies sich als ungenügend, die neue Idee verwirklichte sich nicht. Es gab sogar einen Augenblick, wo alle Nationen, welche die altrömische Sendung übernommen hatten, fast verzweifelten. Oh, versteht sich, der Teil der menschlichen Gesellschaft, der 1789 für sich die politische Suprematie gewonnen hatte ‑ die Bourgeoisie ‑, triumphierte natürlich und erklärte, daß weiter zu gehen nun nicht mehr nötig sei. Dafür aber schlugen sich alle die Geister, die nach den unvergänglichen Gesetzen der Natur zur ewigen Beunruhigung der Welt bestimmt sind, zum Suchen neuer Formeln des Ideals und des neuen Wortes, wie sie beide unentbehrlich sind, ‑ sie alle schlugen sich zu den Erniedrigten und Umgangenen, zu denen, die von der neuen Formel der allmenschlichen Vereinigung, die von der Französischen Revolution 1789 proklamiert worden war, nichts erhalten hatten. Diese Geister verkündeten nun ihr neues Wort, gerade die Notwendigkeit der Allvereinigung der Menschheit, und zwar nicht mehr in der Absicht, Gleichheit der Lebensrechte für etwa einen vierten Teil der ganzen Menschheit zu schaffen und die übrigen bloß als Rohmaterial und auszunutzendes Mittel zum Wohl dieses Viertels bestehen zu lassen, sondern im Gegenteil, um die Allvereinigung der Menschen auf den Grundsätzen der allgemeinen Gleichheit zustande zu bringen, mit der Teilnahme aller und jedes einzelnen an der Nutznießung der Güter dieser Welt, welcher Art sie auch sein mögen. Zur Verwirklichung dieser Lösung aber beschlossen sie, sich jedes Mittels zu bedienen, also durchaus nicht nur mit den Mitteln der christlichen Zivilisation vorzugehen, vielmehr vor nichts mehr stehen zu bleiben.

Was hat nun Deutschland in diesen ganzen zweitausend Jahren mit alledem zu tun gehabt? Der charakteristischste, wesentlichste Zug dieses großen, stolzen und eigenartigen Volkes bestand schon seit dem ersten Augenblick seines Auftretens in der geschichtlichen Welt darin, daß es sich niemals, weder in seiner Sendung noch in seinen Grundsätzen, mit der äußersten westlichen europäischen Welt hat vereinigen wollen, das heißt mit all den Erben der altrömischen Sendung. Es hat die ganzen zweitausend Jahre gegen diese Welt protestiert, und wenn es auch sein eigenes Wort nicht aussprach ‑ und es überhaupt noch nie ausgesprochen hat, sein scharf formuliertes eigenes Ideal, zum positiven Ersatz für die von ihm zerstörte altrömische Idee ‑ so, glaube ich, war es doch im Herzen immer überzeugt, daß es noch einmal imstande sein werde, dieses neue Wort zu sagen und mit ihm die Menschheit zu führen. Schon mit Armin begann es, gegen die römische Welt zu kämpfen. Darauf, zur Zeit des römischen Christentums, kämpfte es mit dem neuen Rom mehr denn jedes andere Volk um die Vorherrschaft. Und endlich protestierte es in der mächtigsten Weise, indem es die neue Formel des Protestes aus den geistigsten, elementarsten Gründen der germanischen Welt zog. Die Stimme Gottes tönte aus ihm und verkündete die Freiheit des Geistes. Die Spaltung war furchtbar und allgemein ‑ die Formel des Protestes war gefunden und ging in Erfüllung, wenngleich es noch immer eine negative Formel blieb, und das positive Wort noch immer nicht gesagt wurde.

Und siehe, nachdem der germanische Geist dieses neue Wort des Protestes gesprochen, erstarb er gleichsam für eine Zeitlang, und zwar geschah das parallel mit einer ebensolchen Erschlaffung der früher scharf formulierten Einheit der Kräfte seines Gegners. Die äußerste westliche Welt suchte, unter dem Einfluß der Entdeckung Amerikas, der neuen Wissenschaften und der neuen Grundsätze, sich in eine andere neue Wahrheit umzugestalten, gewissermaßen in eine neue Phase einzutreten. Als der erste Versuch dieser Umgestaltung zur Zeit der Französischen Revolution gemacht wurde, da war der germanische Geist in großer Verwirrung und nahe daran, seine Individualität zu verlieren, mitsamt dem Glauben an sich. Er konnte nichts gegen die neuen Ideen der äußersten westeuropäischen Welt sagen. Luthers Protestantismus hatte seine Zeit schon längst hinter sich, die Idee aber des freien Geistes, der freien Forschung war bereits von der Wissenschaft der ganzen Welt angenommen worden. Der riesige Organismus Deutschland fühlte mehr denn je, daß ihm sozusagen der Körper und die Form für seinen Ausdruck fehlten. Und damals war es denn auch, daß in ihm das dringende Bedürfnis entstand, sich wenigstens äußerlich zu einem einzigen festen Organismus zusammenzufügen, in Anbetracht der herannahenden neuen Phasen seines ewigen Kampfes mit der äußersten westlichen Welt Europas. Hierbei ist nun ein interessantes Zusammentreffen bemerkenswert: Beide feindlichen Lager, beide Gegner, beide Kämpfer um die Hegemonie im alten Europa ergreifen und erfüllen zu ein und derselben Zeit ‑ oder ungefähr zu ein und derselben ‑ jeder eine Aufgabe, die der des anderen sehr ähnlich sieht. Die neue, noch phantastische zukünftige Formel der äußersten westlichen Welt ‑ die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft durch neue soziale Grundsätze diese Formel, die fast unser ganzes Jahrhundert hindurch nur von Schwärmern und ihren halbwissenschaftlichen Vertretern, von allen möglichen Idealisten und Phantasten gepredigt worden ist, verändert plötzlich in den letzten Jahren ihr Aussehen und den Gang ihrer Entwicklung und beschließt: vorläufig von der theoretischen Definition und Propagandierung ihrer Aufgabe abzulassen und sogleich den ersten praktischen Schritt zu tun, das heißt soviel wie sofort den Kampf zu beginnen, zu diesem Zweck aber die Vereinigung aller zukünftigen Kämpfer für die neue Idee in einer einzigen Organisation zustande zu bringen, also des ganzen 1789 umgangenen Vierten Standes, aller Besitzlosen, aller Arbeitenden, aller Armen, und erst darauf die rote Fahne der neuen unerhörten Weltrevolution zu erheben. Es bildete sich die Internationale, die Vereinigung aller Armen dieser Welt, es gab Zusammenkünfte, Kongresse, Beschlüsse, neue Ordnungen ‑ mit einem Wort, im ganzen alten Westeuropa wurde der Grundstein zu einem neuen status in statu gelegt, und die zukünftige Ordnung dieser Welt sollte die alte, die dort im äußersten Westen Europas herrscht, verschlingen. Zu derselben Zeit aber, da dieses beim Gegner vor sich ging, begriff der deutsche Geist, daß auch die deutsche Aufgabe, vor allen anderen Dingen und neuen Anfängen, vor jedem Versuch eines neuen Wortes gegen den aus der alten katholischen Idee umgestalteten Gegner, zuerst nur diese eine war: die eigene politische Einheit herzustellen, die Schöpfung des eigenen staatlichen Organismus zu voll­enden und, erst nachdem das geschehen, sich Stirn gegen Stirn seinem alten Feinde entgegenzustellen. So geschah es auch: nachdem Deutschland seine Vereinigung innerlich voll­endet hatte, warf es sich auf den Gegner und trat mit ihm in eine neue Kampfperiode ein, die mit Eisen und Blut be­gann. Der Kampf mit dem Eisen ist heute beendet ‑ jetzt steht nur noch bevor, ihn geistig zu beenden.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski: „Tagebuch eines Schriftstellers“

Friedrich von Schiller: DEUTSCHE GRÖSSE

DEUTSCHE GRÖSSE

Von Friedrich von Schiller (1759 ‑ 1805)

Das ist nicht des Deutschen Größe,

obzusiegen mit dem Schwert,

in das Geisterreich zu dringen,

Vorurteile zu besiegen,

nämlich mit dem Wahn zu kriegen,

das ist seines Eifers wert.

Schwere Ketten drücken alle

Völker auf dem Erdenballe,

als der Deutsche sie zerbrach,

Fehde bot dem Vatikane,

Krieg ankündigte dem Wahne,

er die ganze Welt bestach

Höhern Sieg hat er errungen,

der der Wahrheit Blitz geschwungen,

der die Geister selbst befreit.

Freiheit der Vernunft erfechten,

heißt für alle Völker rechten,

gilt für alle ew’ge Zeit.

Deutschlands Majestät und Ehre

ruhet nicht auf dem Haupt seiner Fürsten.

Stürzt auch in Kriegesflammen

Deutschlands Kaiserreich zusammen,

Deutsche Größe bleibt bestehen.

Über den Tellerrand hinaus: Ende der US-Umerziehung

Bevor das japanische Parlament im Dezember 2006 in die Parlaments­ferien ging, hatte die neue Regie­rung von Ministerpräsident Shinzo Abe ihre beiden ersten wichtigen Gesetzesinitiativen verabschiedet. Ein neues Erziehungsgesetz sieht vor, daß staatliche Schulen den Kindern wieder die »Liebe zum eigenen Land« vermitteln. Es revi­diert das sogenannte Erziehungs­grundgesetz von 1947, das unter dem Einfluß der US-Besatzung er­lassen worden war.

Japan müsse den moralischen Nie­dergang umkehren und seine Schüler besser motivieren, damit eine »Nation mit Würde« entstehen könne. Die Liberaldemokraten und ihr Ko­alitionspartner rühren damit an ei­nem jahrzehntelangen Tabu; die Opposition boykottierte die Abstim­mung. Das Gesetz soll auch die Rolle der Eltern stärken und die Zusammen­arbeit zwischen Familien und Schu­len verbessern. Doch die jüngsten Gesetzesinitiati­ven sind nur erste Schritte. Langfri­stig strebt der neue Ministerpräsident eine grundlegende Änderung der während der US-Besatzungszeit verabschiedeten Verfassung an.

Quellen: mz-web.de, 20.12.2006

http://de.news.yahoo.com, vom 16.12.2006, 12:06 Uhr